Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen beteiligten sich an dem Demonstrationszug und der Kundgebung in der Lampertheimer Innenstadt. Mit Transparenten, Sprechchören und einem als Dinosaurier verkleideten Demonstranten machten sie auf humorvolle, aber unmissverständliche Weise deutlich: Eine Politik des Aussitzens und der Verweigerung hat keine Zukunft. Das Dinosaurierkostüm stand dabei symbolisch für eine Verhandlungshaltung, die nach Auffassung der IG Metall nicht mehr in die heutige Arbeitswelt passt. Die Botschaft der Beschäftigten lautete: Moderne Unternehmen brauchen eine moderne Sozialpartnerschaft – und dazu gehören ernsthafte Verhandlungen auf Augenhöhe.
„Wir sind heute nicht auf der Straße, weil wir Streit suchen. Wir stehen hier, weil wir endlich eine vernünftige Lösung wollen. Wer Verantwortung für ein Unternehmen trägt, muss auch Verantwortung für seine Beschäftigten übernehmen. Diese Verantwortung beginnt am Verhandlungstisch“, erklärte Tom Kehrbaum, Geschäftsführer der IG Metall Darmstadt.
Seit fast zwei Jahren warten die Beschäftigten auf die vollständige Weitergabe des vereinbarten Tarifergebnisses. Nach vier Verhandlungsrunden wurden die Gespräche abgebrochen. Mit dem heutigen dritten Warnstreik machten die Beschäftigten deutlich, dass ihre Geduld groß, ihre Entschlossenheit aber noch größer ist.
„Niemand verzichtet leichtfertig auf Arbeitszeit und Lohn, um auf die Straße zu gehen. Warnstreiks sind immer das letzte Mittel. Wenn Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, dennoch zu diesem Mittel greifen, zeigt das, wie ernst die Situation inzwischen geworden ist“, so Kehrbaum.
Der Gewerkschafter stellte den Arbeitsalltag der Beschäftigten in den Mittelpunkt seiner Rede. Die Kolleginnen und Kollegen arbeiteten täglich unter hoher körperlicher Belastung, bei Lärm, Hitze und großem Verantwortungsbewusstsein. „Jede Stahlgittermatte beginnt mit der Arbeit eines Menschen. Diese Kolleginnen und Kollegen schaffen Tag für Tag Werte. Ohne sie gäbe es keine Produktion, keine Gewinne und keine industrielle Zukunft. Wer solche Leistungen erwartet, muss den Menschen auch den Respekt entgegenbringen, den sie verdienen.“
So bekräftigt Murat Kenan Erol, der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende: „Unsere Forderung ist nicht überzogen, sondern fair: Wir verlangen den Respekt für unsere Arbeit, den Respekt vor Tarifverhandlungen und eine Entgelterhöhung, die längst anderen Beschäftigten der Branche zugestanden wurde.“
Kehrbaum ordnete den Tarifkonflikt zugleich in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang ein. Mit Sorge beobachte die IG Metall die zunehmende öffentliche Geringschätzung von Beschäftigten. „Seit Monaten erleben wir eine Debatte, in der Beschäftigten immer wieder unterstellt wird, sie würden zu wenig arbeiten, seien zu häufig krank oder wollten sich nicht mehr anstrengen. Das ist nicht nur falsch – es ist respektlos gegenüber Millionen Menschen, die jeden Morgen aufstehen, ihre Steuern zahlen und dieses Land am Laufen halten.“
Gerade in der Stahlindustrie seien die Rahmenbedingungen durch politische Entscheidungen zuletzt verbessert worden. Die europäische Industriepolitik, Diskussionen über einen Industriestrompreis und zahlreiche Unterstützungsmaßnahmen hätten den Unternehmen zusätzliche Planungssicherheit verschafft.
„Wenn Staat und Gesellschaft Milliarden investieren, um industrielle Wertschöpfung in Deutschland zu sichern, dann muss dieser Zukunftskurs auch bei den Beschäftigten ankommen. Zukunft entsteht nicht dadurch, dass öffentliche Unterstützung allein auf den Unternehmenskonten landet. Zukunft entsteht dann, wenn diejenigen beteiligt werden, die diese Unternehmen jeden Tag mit ihrer Arbeit tragen.“
Die IG Metall betonte, dass der Warnstreik weit über einen einzelnen Betrieb hinausreiche. Tarifverträge seien ein Fundament des sozialen Friedens und ein wichtiger Pfeiler der demokratischen Ordnung. „Starke Gewerkschaften sind kein Sonderinteresse. Sie sorgen dafür, dass Beschäftigte ihre Stimme erheben können. Demokratie endet nicht am Werkstor. Sie beginnt dort jeden Morgen neu – überall dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen und ihre Interessen fair vertreten.“
Mit Blick auf die Bürgerinnen und Bürger der Stadt erklärte Kehrbaum, dass der Demonstrationszug bewusst durch die Öffentlichkeit geführt worden sei. „Jeder Warnstreik ist auch eine Demonstration für alle Beschäftigten in unserer Region. Gute Tarifverträge sichern Kaufkraft. Kaufkraft stärkt den Einzelhandel, das Handwerk und die gesamte regionale Wirtschaft. Gute Arbeit und gute Löhne sind keine Belastung für unsere Gesellschaft – sie sind ihre Grundlage.“
So betont Horst Raupp, Gewerkschaftssekretär des DGB Hessen: „Gewerkschaften kämpfen für Gerechtigkeit, Respekt und Fairness. Unsere Kraft ist die Solidarität. Die Beschäftigten bei Betonstahl Lampertheim arbeiten hart. Sie haben Gerechtigkeit, Respekt und Fairness im wahrsten Sinne des Wortes verdient. Alle Geschäfte rund um den Schillerplatz, alle Cafés, die Bäckerei und das Eiscafé leben von der Kaufkraft der Beschäftigten. Von guten Tarifverträgen profitiert die Stadt Lampertheim, das Gewerbe und die gesamte Region.“
Auch der ehrenamtlicher Vorsitzender des DGB Lampertheim-Bürstadt, Marius Gunkel zeigte sich solidarisch und richtete sich mit folgenden Worten an die Demonstrierenden: „Tarifverträge sind kein Luxus. Sie sichern gute Arbeit, Fachkräfte und Verlässlichkeit. Wer heute erklärt, Tarifsteigerungen seien nicht finanzierbar, muss sich auch die Frage gefallen lassen: Wie sollen Beschäftigte dauerhaft motiviert werden, wenn ihre Arbeit zwar unverzichtbar ist, ihre berechtigten Ansprüche aber immer wieder auf später verschoben werden?“
Zum Abschluss richtete die IG Metall noch einmal einen Appell an die Arbeitgeberseite. „Unsere Tür steht offen. Niemand verliert sein Gesicht, wenn er an den Verhandlungstisch zurückkehrt. Größe zeigt sich nicht im Aussitzen eines Konflikts, sondern darin, gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden. Genau dazu sind wir jederzeit bereit.“ Doch jetzt sei der Arbeitgeber am Zug, so Kehrbaum: „Ohne ein verhandlungsfähiges Angebot der Arbeitgeberseite werden die Streiks weitergehen.
Die Beschäftigten kündigten an, ihren Forderungen auch in den kommenden Wochen Nachdruck zu verleihen, sollte ein Angebot der Arbeitgeberseite ausbleiben. Gleichzeitig bekräftigte die IG Metall ihre Bereitschaft, jederzeit konstruktive Verhandlungen aufzunehmen, um zu einer fairen und nachhaltigen Einigung zu gelangen.